Scheitern als Option: Warum es okay ist, sein Studium abzubrechen

Ich kann mich noch gut an ihren Anruf erinnern. Es war ein Sonntagabend. Kurz nach 21 Uhr. Ich kam gerade aus der Dusche, als ich das Klingen hörte. Schnell wickelte ich mir ein Handtuch um die Hüfte und rannte noch pitschnass zum Wohnzimmertisch, wo das Telefon vor sich hinvibrierte. Als ich den Hörer abnahm, hörte ich zunächst einmal nichts. Dann ein leises Schluchzen.

„Wer ist denn da dran?“, fragte ich irritiert.

„Ich“, sagte jemand, dessen Stimme mir irgendwie vertraut vorkam. Mein Gehirn machte einen blitzschnellen Stimmenabgleich. „Bist du das, Lisa?“

„Ja“, hauchte sie.

„Was ist denn passiert?“, fragte ich besorgt.

Sie schwieg für einen kurzen Moment und atmete so schwer, dass ich es durch die Telefonleitung hören konnte. Dann begann sie von ihren letzten Monaten zu erzählen.

Vom Traumstudium zum Albtraumstudium

Sie erzählte mir, wie sie vor zwei Jahren voller Vorfreude ihr Psychologiestudium begonnen hatte und wie glücklich sie damals war, ihr „Traumstudium“ gefunden zu haben. Sie berichtete von den ersten Vorlesungen, den ersten Klausuren und davon wie sich ihr „Traumstudium“ langsam aber sicher in einen „Albtraumstudium“ verwandelte. Es fing damit an, dass ihr Desinteresse an den Vorlesungen zunahm und sie anstatt den Professoren zuzuhören, lieber eigene Gedichte schrieb. Bald danach hörte sie auf, wichtige Übungen und Vorbereitungsaufgaben zu machen. Ihre Eigenmotivation wurde immer geringer. So gering, dass sie sich irgendwann nicht einmal mehr aufraffen konnte, in die Vorlesungen zu gehen. Und falls sie aufgrund ihres schlechten Gewissens doch einmal ging, fühlte sie sich wie ein spießiges Rentnerpaar am Ballermann 6: komplett fehl am Platz. Sie verlor sich in einer Abwärtsspirale aus selbstgemachtem Druck, fehlendem Interesse und schlechten Noten. Die Spirale drehte sich so lange nach unten, bis sie nicht mehr konnte. Es war ein Sonntagabend, kurz nach 21 Uhr, als der Druck zu schwer wurde und sie beschloss, mich anzurufen.

Wir redeten beinahe zwei Stunden. Solange bis ihr klar wurde, dass sie etwas an ihrer Situation ändern musste – sie musste ihr Studium abbrechen. Das war die einzig sinnvolle Lösung. Eine Lösung, die sie schon seit Monaten kannte, aber immer wieder verdrängt hatte. Sie beschrieb es damals am Telefon mit zwei Männchen: „Es ist so, als säßen zwei kleine Männchen auf meinen Schultern. Das Männchen auf der rechten Schulter will, dass ich das Studium auf jeden Fall durchziehe, komme was wolle. Das andere Männchen auf der linken Schulter, versucht mich zu überreden, aufzugeben. Bisher war das Männchen auf der rechten Schulter immer stärker.“

Doch irgendwann siegte das Männchen auf der linken Schulter. Lisa brach ihr Studium ab.

Ein seltsamer innerer Gegner

„Es war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können“, sagte sie mir vor wenigen Tagen, als ich sie zum Abendessen traf. Sie schien ganz locker damit umzugehen, abgebrochen zu haben. Dabei sah das einige Monate zuvor noch ganz anders aus. „Ich bin gescheitert!“, schrieb sie mir damals per WhatsApp. Bereits fünf Semester Psychologie hatte sie zu diesem Zeitpunkt überstanden. Ihr fehlten nur noch wenige Schritte bis zum Abschluss. Doch Lisa schmiss hin.

„Es gab keine andere Möglichkeit“, erzählte sie. „Ich habe mir so viel Druck gemacht, dass ich mir selbst im Weg stand. Ich hatte teilweise richtige Panikattacken: Mir blieb die Luft weg, es wurde mir schwarz vor Augen. Drei Monate stand ich unter Stress. Ich bin mit Bauchschmerzen ins Bett und wieder aufgestanden.“

Die Geschichte, die Lisa widerspiegelt, ist keine dieser unzäh­ligen Erfolgsgeschichten, die wir täglich in unseren Social Media-Newsfeeds sehen. Lisa ist das Gegenteil all der heroischen Start-up-Gründer, Karriere-Überflieger und allgemein aller unver­schämt erfolgreichen Menschen, die anscheinend nie einen Rückschlag hinnehmen müssen und uns glauben machen, dass das Leben nur aus Erfolgen besteht. Lisa ist der Anti-Erfolg. Sie ist gescheitert. Sie hat aufgeben. Und das ist völlig okay. Denn was kaum jemand sagt: Es ist in Ordnung zu scheitern. Es ist in Ordnung, schon wieder Single zu sein, an einer unbe­kannten Hochschule im Saarland zu studieren und von Strategic International Management auf stinknormale BWL downzugraden. Wir müssen es uns nur eingestehen.

Jedes Jahr brechen mehr als 25 Prozent aller Studenten ihr Studium ab und noch viel mehr denken darüber nach, ziehen es am Ende aber nicht durch. Sie haben Angst als Versager dazustehen. Angst, nicht der gesellschaftlichen Vorstellung zu entsprechen, bestimmte Dinge bis zu einem gewissen Alter erreicht zu haben. Denn sind wir mal ehrlich: Es existierte vielleicht noch nie zuvor eine Generation, die einen derart großen Drang hatte, einer spezifischen Timeline zu folgen. Vielleicht liegt das an dem Wunsch nach Stabilität in einer Welt, in der alles immer chaoti­scher wird. Vielleicht aber auch an den Karriereratgebern, die uns einhämmern, dass man ja keine Lücke im Lebenslauf haben sollte. So oder so: Es ist ein seltsamer innerer Gegner, der mit jedem Geburtstag wächst; es ist das, was Wissenschaftler unser „chronologisches Alter“ nennen, die Timeline unseres Lebens.

Was geplant ist, muss gemacht werden

In der Generation unserer Eltern definierten fünf große Meilensteine das Erwachsenwerden: der Schulabschluss, die erste eigene Wohnung, finanzielle Unabhängigkeit, die Heirat und das erste Kind. Unsere Generation durchläuft diese Meilensteine auch, aber im Durchschnitt etwa fünf Jahre später. Und obwohl das Alter zum Heiraten oder zum Kinderkriegen sich nach hinten verschoben hat, besteht immer noch der Glaube, dass es ein rich­tiges Alter für diese Meilensteine gibt. Einige meiner Freunde und Freundinnen sind sehr spezifisch, was dieses „richtige Alter“ anbelangt.

Wie zum Beispiel Lisa.

Während unseres Abendessens erzählte sie mir, dass sie nach ihrem Studienabbruch vor allem über eine Sache nachgedacht hatte: ihre Timeline.

„Zu Beginn meiner Zwanziger habe ich mir einen genauen Plan gemacht, wie mein Leben bis zu meinem 30. Geburtstag verlaufen sollte. Mit 21 Jahren wollte ich meinen Bachelor haben, danach ein halbes Jahr durch Südamerika reisen, mit 22 dann meinen Master anfangen, mit 27 Jahren als Kinderpsychologin arbeiten, mit 28 Jahren mit meinem Freund zusammenziehen, mit 29 Jahren heiraten und mit Anfang 30 mein erstes Kind bekommen“, sagte sie.

„Oha“, entgegnete ich und warf ihr einen erschrockenen Blick zu.

Lisa lenkte sofort ein, als sie meinen Blick sah. „Ja, ich weiß, es klingt ein bisschen verrückt, sein Leben so genau zu planen, aber ich weiß auch, dass ich nicht die Einzige bin, die sagt: ‚Ich werde mit 30 Jahren heiraten und mit 31 Jahren mein erstes Kind haben‘. Ich kenne viele andere Mädels, die einen ähnlichen Plan im Kopf haben.“

Als ich mir Lisas Story angehört hatte, wurde mir klar, warum sie mich an jenem Sonntagabend angerufen hatte. Sie war so sehr auf das Erreichen ihres Planes fokussiert, dass eine Welt zusam­menbrach, als sie merkte, dass sie ihn nicht realisieren würde.

Denn wer sich auf das Erreichen bestimmter Meilensteine fixiert, hat automatisch das Gefühl, sich ein Abkommen vom geplanten Weg nicht leisten zu können – und bekommt erheb­liche Argumentationsprobleme mit sich selbst, wenn er etwas aufgeben will.

Der beste Plan für unsere Zwanziger

In dem Buch Pack doch deinen Rucksack selbst! gibt es ein wunder­volles Zitat des römischen Philosophen Seneca: „Wie töricht ist es, Pläne für das ganze Leben zu machen, da wir doch nicht einmal Herren des morgigen Tages sind.“

Als ich es zum ersten Mal las, erinnerte es mich an Lisa und daran, dass Pläne oftmals nicht mehr als die Illusion von einem perfekten Leben sind. Doch das Leben ist nicht perfekt. Unerwartete Dinge passieren. Menschen gehen. Ideen scheitern. Krankheiten kommen. Ich glaube deshalb, dass es in unseren Zwanzigern nicht darum geht, so zu leben, wie wir es geplant haben, sondern darum, uns anzupassen, wenn etwas schief läuft. Der beste Plan, den wir in unseren Zwanzigern machen können, ist der Plan, immer wieder neue Pläne zu machen.

„Nächste Woche beginnt mein Journalismus-Studium. Drück mir die Daumen, dass es klappt“, sagte mir Lisa als wir uns nach unserem Essen verabschiedeten. Um ihre Lippen spielte dabei ein feines Lächeln. Sie schien zufrieden mit sich zu sein, irgendwie befreit.

Ich erinnerte mich an unser Telefonat und daran, wie die Dinge sich manchmal fügen. ‚Vielleicht sollten wir dem Leben einfach öfter vertrauen, anstatt zu versuchen, alles kontrol­lieren zu wollen‘, dachte ich und schaute Lisa hinterher bis ihre Silhouette langsam im Horizont unterging. Die Luft war klar und der Himmel leuchtete in einem dunklen Orange.

Es war ein Sonntagabend, kurz nach 21 Uhr.

Ich lief nach Hause und konnte den Sommer beinahe riechen.

Über den Autor:

Pascal Keller, Jahrgang 1992, ist Autor, Speaker und Gründer von www.PascalKeller.com. Vor knapp einer Woche hat er sein erstes Buch „Fast Erwachsen – Über die Suche nach Liebe, Sinn und einem verdammten Job“ veröffentlicht, das innerhalb kürzester Zeit hundertfach verkauft wurde. Pascal glaubt daran, dass in jedem das Potential für außergewöhnliche Dinge schlummert und möchte mit seinen persönlichen Geschichten jungen Erwachsenen dazu ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden und zu gehen.

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